Die Wollust trägt Grün / Bernasconis “L’Huomo” in Bayreuth

Eine fürstlich angereicherte Oper: Insbesondere die beiden Cavatinen Wilhelmines klingen im „L’Huomo” ausgesprochen schön

Die Wollust trägt Grün und Violett, die Hörner geben Geräusche von sich, die ebenso schräg sind wie jene, die Mann und Frau gelegentlich eines sogenann­ten Beischlafs von sich zu geben pfle­gen. Vielleicht ist ja nicht nur das Kos­tüm, auch die musikalische Interpreta­tion allegorisch gemeint, denn eigent­lich ist alles, wie so vieles im Leben, etwas schräg, doch ganz einfach: es geht, wie so oft, auch um Sex.

Wilhelmine hatte schon recht: „Die Handlung dieses Stücks ist nichts wei­ter als eine einfache Allegorie.” Scherz beiseite, denn die Markgräfin, die das Szenarium zum endlich in Bayreuth wieder gespielten „L’Huomo” – eine einzigartige „Festa teatrale”, keine Oper – schrieb, meinte es ernst, als sie eine musiktheatralische, autobiogra­fisch gesättigte Abhandlung um den Kampf der „guten” und der „bösen” Mächte um die menschliche Seele entwarf.

Nun endlich durfte man das vielzi­tierte, erst 2009 in Gotha und nun in Bayreuth gespielte Stück dort erleben, wo es elementar hingehört: auf der Bühne des Opernhauses. Eine Origi­nalproduktion des Concert Royal (Köln) in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Tanz (da­selbst). Dasselbe Ensemble hat uns vor einigen Jahren mit einer schönen Pro­duktion von Händels wunderschönem Pasticcio „Giove in Argo” – ja: be­glückt. Im Prinzip ist auch „L’Huomo” eine Art „Pastete”, präziser (im „L’Huomo”-Symposion konnte man’s am Nachmittag genau erfahren) ein Werk des Münchner Vizekapellmeis­ters Andrea Bernasconi, das mit etwas älteren Arien von J. A. Hasse und Baidassare Galuppi und zwei neuen Cavatinen. aus der Feder der Wilhel­mine von Bayreuth angereichert wur­de. In Bayreuth spielt man statt einer nie komponierten Ouvertüre eine al­tertümlichere, aber mehr als passable Ouvertüre des Hofkapellmeisters Jo­hann Pfeiffer, den, das ist eine späte Rache an den ignoranten Preußenkö­nig, Wilhelmines Bruder Friedrich, für den Wilhelmine den „L’Huomo” auf die Bühne brachte, nicht mochte.

Man hört die Unterschiede, wenn man genau hinhört und besonders dem kräftig akzentuierenden, abgese­hen von den Hörnern ausgezeichneten Orchester Concert Royal unter Steffen Leißner lauscht; auch sie machen das Stück farbig. Insbesondere die beiden Cavatinen unserer geliebten Fürstin klingen ausgesprochen schön, die ers­te fließt betörend ruhig dahin, zumal Stephanie Elliott als Guter Geist für das Beste des Ensembles einstehen mag. Daneben begegnen wir dem aparten Sopran der in Bayreuth bereits bekannten Johanna Winkel, die als Göttin der Vernunft, zugleich als Wil­helmine selbst die Bühne betritt, um die Noten „ihrer” Oper an die frisch angereisten, um die Gunst der Mark­gräfin buhlenden Gastsänger auszutei­len. Der Regisseur Igor Folwill geht frisch und frei nach dem Motto vor (und er weiß das augenzwinkernd), dass Wilhelmine schon von allen Opernregisseuren des Wilhelmine-Jahres auf die Bühne gebracht worden ist – nur noch nicht von ihm, und schon gar nicht aus einer Wilhelmine-Merchandising-Tasse ihren Tee trin­kend. Die biografische Koppelung des Markgrafenhofs, die man im Frühjahr mit Händels „Alcina” vornahm, erhält mit Wilhelmines Eifersuchts- und Liebesallegorie neues Futter. Man fasst die Al­legorie fast im leeren Raum; ein geborstener Obelisk verweist mit seinen Zeichnungen auf die altägypti­sche, monotheis­tische Sonnenverehrung, seit­liche Flächen ermöglichen Projektionen des Neuen Schlosses der Eremitage, des Cranach’-schen Paradieses – und von alchemistischen Symbolzeich­nungen, denn für den Regis­seur spielt sich in „L’Huomo” die   Menschenbildung und ein Experiment am offe­nen Herzen ab. Der „Genius des Bö­sen”, Daniel Lager, ist in diesem Spiel vokal leider nicht ganz so souverän wie sein Gegenspieler, aber ausge­sprochen schwach singt nun wirklich keiner der jungen Sänger. Insbesonde­re Kathrin Hildebrandt überrascht durch geschmeidigste Koloraturen, Maria Klier ist eine sehr gute Soubret­te (keine Barocksängerin), die die Wollust gibt (das hat etwas leicht Re­vuehaftes), und Ji-Hyun An und Elisa­beth von Stritzky bilden, als Duo von Unbeständiger Liebe und Unbestän­digkeit, die stimmlich hellen Gegen­stücke zum dunkel gefärbten Sopran der Tanya Aspelmeier, die im Regen von Weißen Rosen als schwer verführ­bare Animia mit lyrischem Ausdruck begeistert.

„Das ist ja unverschämt”

Nicht begeistert war zunächst ein stadtbekannter Musikfreund, als er in die erste Szene hinein brüllte: „Das ist ja unverschämt!” Geblendet vom Scheinwerfer, der mitten ins Publikum hinein strahlte, vermochte er nicht je­nes überhelle Licht zu ertragen, das doch nur die Sonne der Vernunft, also die Allegorie Negiorea-Wilhelmine zu versinnbildlichen suchte. Dass wir vom Spektakel des Abends geblendet waren, wird man allerdings nicht be­haupten dürfen; zu Wilhelmines Zei­ten ist es zweifellos üppiger ausgestat­tet gewesen, jedenfalls nicht mit frei­lich sehr gut gemachten Papierkostü­men und schlichten weißen Seelen­gewändern – aber das Wesentliche dieses sehr besonderen, auch als Alle­gorie durchaus spielbaren, musika­lisch reichen Stücks ist in Bayreuth szenisch meist klar und musikalisch auf mittlerem bis hohem Niveau ver­mittelt worden: auch und gerade mit Hilfe der Wollust, die bekanntlich in Grün und in Violett aufzutreten pflegt.

 

English version

LUST WEARES GREEN OR… it is also about sex.

A princely enriched opera. Especially the two cavatines composed by Wilhelmine von Bayreuthare particularly beautyful

… one can clearly hear the embellishment diversity by paying special attention and specially the strong accents set by the excellent orchestra Concert Royale under the hand of conductor Steffen Leissner. They give color to the piece as well. Namely the two cavatines composed by Wilhelmine von Bayreuth sound in particular beauty. The firs one flows fascinating, if we consider that Stephanie Elliott in the part of the Good Spirit is indeed the best member in the ensemble…

Spanish version
La lujuria se viste de verde o: también se trata de sexo

Una ópera principescamente enriquecida: En especial las dos cavatinas compuestas por Guillermina de Bayreuth son especialmente hermosas

BAYREUTH
Por Frank Piontek

….. se escucha bien los diversos matices, si se presta especial atención y especialmente los fuertes acentos de la excelente orquesta (con excepción de los cornos naturales) Concert Royal bajo la dirección de Steffen Leissner. Ellos asímismo otorgan color a la obra. En especial las dos cavatinas de nuestra admirada Guillermina de Bayreuth suenan especialmente hermosas. La primera fluye seductora/fascinante , teniendo en cuenta que Stephanie Elliott, como Buon Genio (Espíritu del bien) es lo mejor del ensemble. ..